Der Berg ruft oder von der Pflicht und der Freiheit

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„AAAAch, jetzt geh ich schon zwei Stunden und bin immer noch nicht oben.“ Frau Berg ist heute im Raxgebiet unterwegs. Sie hatte ihrer Großmutter schon lange versprochen diesen Weg zu gehen, weil es ihre Heimat ist und sie aus körperlichen Gründen die Wanderung nur noch in Gedanken gehen kann. So hat sie kurzerhand versprochen, die Reise für die Oma zu machen und ihr dann über Veränderungen berichten, oder dass eh noch alles beim Alten ist.
Während des Gehens kommt ein Satz in ihr hoch. Sie hatte ihn immer wieder von ihrer Mutter gehört: „Zuerst die Arbeit, dann das Spiel.“ „Ja, so fühl ich mich auch gerade. Immer ist irgendwas zu tun, bevor ich zum Spielen komm.“ Sagt sie zu sich selber. „Ich wünsch mir ein Leben voller Spiel und Spaß. Das wäre schön. Den ganzen Tag machen was Spaß macht. Ja, …..“
Plötzlich wird sie aus ihren Gedanken gerissen. Sie hört Schritte hinter ihr. Sie dreht sich um und sieht eine Frau, schlank, groß und in Sportkleidung. Mit sehr festen, sicheren Schritten geht sie an Frau Berg vorbei, lächelt und grüßt. Die Blicke treffen sich. Frau Berg denkt: „Wie kann ein Mensch nur so strahlen, so fröhlich sein? …“
Die unbekannte Frau zieht weiter und ist bald außer Sichtweite.
„Ja, ein Leben voller Spiel und Spaß, das ist es.“ „Ich hatte nie viel Spaß, immer war die Großmutter mit ihren Problemen und Sorgen im Vordergrund. Ich werde noch weiter nachdenken, wie ich Spiel und Spaß in mein Leben bekomme. Über meine Gedanken jetzt, und warum ich gerade jetzt am Berg gehe und was das alles mit meiner Vergangenheit zu tun hat.“ Frau Berg geht weiter. Jetzt mit der Aufmerksamkeit nach außen gerichtet, die angenehme Waldluft genießend und die schönen Farben des Waldes erkennend.
Beim Hüttenwirt ist unterdessen die unbekannte Frau angekommen. Sie hat sich schon einen gemütlichen Platz in der Sonne ausgesucht und lässt sich die Sonne ins Gesicht scheinen.
„Ja, Frau Schnell, das freut mich, dich wieder auf der Hütte zu sehen. Lange warst du nicht da. Ich hab mich schon gefragt, was wohl mit dir ist.“ Herr Wald ist ehrlich erfreut. „Was darf ich dir bringen? Wie immer?“ „Ja, sehr gerne.“ Frau Schnell verbindet mit dem Hüttenwirt schon eine sehr lange Freundschaft.
„Was ist passiert?“ fragt er, während er das Getränk für Frau Schnell hinstellt.
„Ja, weißt du. Eigentlich viel und auch gar nichts. Ich kann meine Freiheit wieder spüren. Seinerzeit, als ich noch ein Kind war und mit meinem Vater immer wieder mal im Wald war, hatten wir ein Spiel, das ging so: Er fragte mich: „Wo soll´s hingehen?“ Ich ließ mich einfach leiten von meinem inneren Gefühl und lief voran, es war so befreiend. Manchmal ging mein Weg im Zick Zack, manchmal war es einfach nur eine Gerade und mein Vater war hinter mir. Es war so lustig. In diesen Momenten spürte ich: Alles ist möglich, ich war so frei und glücklich, ich dachte über nichts anderes nach. Ich ließ es einfach passieren. An dieses Erlebnis, diese Erfahrung musste ich in letzter Zeit sehr häufig denken. Für diese Lehre für mein Leben, bin ich meinem Vater unendlich dankbar, weil das die Basis für meine Entscheidungen, für mein Tun geworden ist. Ich hab die Größe und Reichweite gar nicht richtig wahrgenommen. Es war so selbstverständlich.
Er ist vor einem Jahr gestorben und ich dachte: Mit ihm ist auch dieses Gefühl der Freiheit gegangen. Ich war völlig neben mir. Mein Gefühl für meinen Körper, mein Blick für die Welt war mit ihm gegangen. Alles Wichtige für meine Zukunft und all die vielen guten Erfahrungen, Erkenntnisse, die mein Leben jetzt bereichern, habe ich von ihm gelernt. Von meinem Vater. Im besonderen dieses Spiel im Wald. Spaß haben und vom Impuls leiten lassen. Heute weiß ich, dass alles noch da ist und dass er für immer einen Platz in meinem Herzen hat.“
Beide lassen das Gesagte wirken, jeder auf seine Weise. Die Welt ist plötzlich ganz ruhig, auch die Bienen, die Hummeln, die Grillen scheinen dieser Stimmung beizuwohnen. Alles ist still. Bis Herr Wald sich wieder bewegt: „Wow, was für eine Geschichte. ich sehe, es ist ein Gast gekommen. Einen Moment, ich komm gleich wieder“
„Begrüße Sie, was darf ich Ihnen bringen?“
„Ein großes Glas Leitungswasser. Ein sehr großes, bitte.“ Frau Berg lächelt ihn an.
Sie hat es geschafft, diesen Berg hochzuwandern und sie fühlt sich befreit und glücklich. Es macht glücklich: „Es macht mich glücklich.“ Weg von der trüben Stimmung zu Hause. Weg von der Last, die sie sonst zu tragen hat. Tief durchatmend lässt auch sie sich die Sonne ins Gesicht scheinen.
Nach einer gefühlten Ewigkeit des Entspannens, beginnt sie die Umwelt wieder wahr zu nehmen. Sie schaut nach rechts, und wieder treffen sich die Blicke. „Die Frau von unterwegs, Grüß dich.“ sagt sie lächelnd in Richtung der unbekannten Frau.
Schnell kommen die beiden ins Gespräch. Die Wellenlänge stimmt. Sie tauschen sich aus, als ob sie schon immer Freundinnen gewesen wären. Die Zeit vergeht wie im Flug, und es ist Zeit den Heimweg anzutreten.
„Du hast du Lust, dass wir uns am Weg zurück einfach von unserem inneren Gefühl leiten lassen?“ fragt Frau Schnell ganz spontan. „Ich hab das oft mit meinem Vater gespielt, und es tut mir so gut.“
Frau Berg kann im ersten Moment nichts mit der Idee und der Spielaufforderung anfangen: „Aber, wir müssen doch …, wir können doch nicht einfach …, ich habe doch meiner Großmutter versprochen …“
„Nur kurz, nur ein kurzes Stück. Mal was anderes machen, oder? Du fängst an.“ Frau Schnell ist begeistert, sie fühlt sich, als wäre sie wieder Kind, und das ist ansteckend für Frau Berg.
„Von innen leiten lassen? Von innen leiten lassen? Da kommt nichts.“
Frau Schnell: „Wird schon, bleib dran.“
Beide stehen. Frau Schnell hinter Frau Berg, geduldig, wie einst auch ihr Vater bei ihr geduldig war. Und tatsächlich, nach anfänglicher Unsicherheit, beginnt Frau Berg eine Richtung einzuschlagen, dann wieder eine andere und nach einem Stückchen wieder geradeaus. So dieser inneren Bewegung folgend, gehen die beiden den Berg hinunter bis zum Platz, wo ihre Autos geparkt sind.
„Wir sehen uns wieder, versprochen.“
„Ja, auf jeden Fall.“
Frau Berg ist am Weg nach Hause zu ihrer Großmutter. „Was soll ich ihr denn sagen? Was hab ich denn versprochen?“ Plötzlich fühlt sie wieder dieses alte Pflichtgefühl, weg ist die gute Stimmung vom Berg. Nur jetzt hat sie beides.
Bei der Großmutter angekommen setzt sie sich zu ihr, nachdenklich, ihre Gedanken nach innen gerichtet und sagt: „Weißt du Oma, ich hatte einen so schönen Tag am Berg, ich hab eine Frau kennengelernt, die mir gezeigt hat, wie sich Freiheit anfühlt. Ich hab auch gelernt, dass ich es nicht für dich machen kann. Ich kann nur mein Leben leben. Ich glaube es ist falsch, wenn ich versuche, es für dich besser zu machen. Ich kenn ja dein Schicksal nicht. Ich bin so jung, ich hab keine Ahnung was bei dir ist und war. Ich sehe nur so ein kleines Stück deines Lebens. Ich lass das alles bei dir. Und wenn du möchtest, erzähle ich dir, was ich für mich erlebt habe, wie ich einige Stunden Freiheit gespürt und gesehen habe und ich jetzt weiß, dass ich mehr davon möchte.“
Elisabeth Walter
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