Mama, warum bin ich eigentlich da?

Mama, warum bin ich eigentlich da?

Happy Birthday to you, Happy Birthday to you …! Drei Mädchen singen und laufen Anika strahlend entgegen, als sie in die Klasse kommt. Sie kreischen, tanzen und überreichen ihr die Geschenke. Anika ist heute vierzehn geworden.
Seit ein paar Tagen denkt sie über Fragen nach, wie: Warum muss ich lernen? Warum gibt es Menschen? Warum sind Menschen so unterschiedlich?
Zugegeben, im ersten Moment sind es Fragen, auf die man sehr schnell Antworten finden könnte, nur für Anika nicht. Sie vergleicht verschiedene Kulturen: die einen sind voll auf Bildung aus, die anderen haben gar keine Bildung, wenn Bildung bedeutet eine Schule zu besuchen.
„Ja, Bildung schafft Möglichkeiten.“
„Wenn, du mal richtig gut Geld verdienen möchtest, dann brauchst du Bildung.“
„Bildung ist Macht.“
All diese Sätze hört sie immer wieder von den Erwachsenen, aber …. ist es das, worauf es im Leben ankommt? Richtig viel Geld verdienen! Viele Möglichkeiten zu haben! Macht zu haben. In ihrem Kopf geht es ziemlich rund. Noch hat sie keine stimmigen Antworten erhalten.

Sie freut sich riesig über die Geschenke ihrer Freundinnen. Es läutet. Der Lehrer kommt in die Klasse. Mathematik ist dran. Sie beobachtet Markus, der zwei Reihen vor ihr sitzt. Dies macht sie oft, weil er immer so angestrengt dasitzt, den Kopf seitlich in die linke Hand legt und insgesamt wirkt er immer so angespannt.
In der Pause fragt Markus sie nach der Lösung eines Beispiels. Während sie ihm das Beispiel abschreiben lässt fragt sie: „Warum bist du immer so angespannt?“ Markus schaut irritiert auf. Ertappt. „Mein Vater, mein Vater ist manchmal so traurig und ich möchte einfach gut sein, dann ist er vielleicht weniger traurig. Und alles Gute zum Geburtstag, Anika.“

Wamm. Mit der Antwort hat Anika nicht gerechnet. In ihrem Kopf geht es rund. Es läutet wieder und sie geht wieder auf ihren Platz.

Mehr hätte Marcus auch nicht sagen wollen. Kann er auch nicht sagen. Würde Anika wissen, dass sein Vater auch oft laut ist und ihn anschreit, dass er ihm nichts recht machen kann und trotzdem bemüht er sich, alles gut und richtig zu machen. Marcus liegt oft irritiert, unverstanden und weinend im Bett, weil er seinen Vater liebt, weil er auch eine Seite erlebt, wo der Vater bei ihm ist, wo sie fröhlich und unbeschwert sind.
Auch wenn die Oma ihm immer wieder sagt: „Hab Geduld, dein Vater hat es grad schwer, keine Arbeit, deine Mutter ist früh verstorben, er weiß manchmal nicht wie er dich versorgen soll.“ ist es schwer und tut weh.
Und tatsächlich vor zwei Wochen haben sie geredet und sein Vater hat ihm bestätigt, was die Oma schon gesagt hat. Es bringt etwas Verständnis und macht es etwas leichter.

Zu Hause angekommen geht Anika zu ihrer Mutter in die Küche. Ihre Mutter ist mitten im Herstellen eines selbst gemachten Tomatenketchups. Es stehen große Töpfe mit noch ungekochten Tomaten, Töpfe mit Tomaten, die zum Abschälen bereit sind, und Schüsseln mit schon pürierten Tomaten. Sie sieht nur rot. Im wahrsten Sinn des Wortes.

„Hallo Mama, darf ich dich mal was fragen?“
„Ja, natürlich! Was hast du denn auf dem Herzen?“ Die Mutter erkennt schon an der Tonalität ihrer Tochter, dass es nichts Belangloses ist und keinen Aufschub duldet.

„Möchtest du dich zu mir setzten und mir helfen?“ Anika verzieht das Gesicht, der linke Mundwinkel verschiebt sich so weit nach unten und der rechte soweit nach oben, man könnte fast meinen der Mund steht nicht mehr waagrecht, sondern fast senkrecht. „Alles klar!“ antwortet die Mutter sofort. „Was ist es denn?“

Anika: „Mama, warum bin ich eigentlich da?“
Die Mutter arbeitet ruhig weiter und lässt die Frage auf sich wirken. „Warum bin ich eigentlich da? Lass mich mal nachdenken. Ich weiß noch, ich habe mir die Frage auch vor langer Zeit gestellt, weil ich in dieser Zeit keine Motivation finden konnte, warum ich überhaupt irgendwas tun sollte. Soll ich eine Familie gründen und Kinder haben, soll ich einen guten Job haben und Karriere machen, soll ich die Welt bereisen und andere Kulturen kennenlernen? Auf all diese Fragen bekam ich ein halbherziges „Ja“ von mir. Es befriedigte mich nicht.
Irgendwann habe ich mich dann auch gefragt: „Was will ich denn, was macht mir denn Freude, womit bin ich den glücklich?“ Die Frage, womit und wie bin ich glücklich brachten mich dann weiter. Mit „den“ Antworten spürte ich sofort im ganzen Körper, mein spezielles Gefühl für Glück und Zufriedenheit. Daran habe ich mich dann gehalten und meinen Weg des Glücks gegangen, der mir bis heute noch meine „Warum´s“ beantwortet.
Irgendwann später habe ich den Ausspruch von Viktor Frankl gelesen: „Wer ein Warum zum Leben hat, erträgt fast jedes wie.“ Daran halte ich mich.“

Anika hat sehr aufmerksam zugehört: „Phaa, interessant … Weißt du Mama, heute in der Schule hat mir Markus erzählt, dass er gut sein möchte, weil sein Papa immer so traurig ist. Ist das sein Grund, warum er da ist?“
„Hmmm, müsste mann schauen. Das kann ich so nicht sagen. Es kommt auch drauf an, was so in der Familie passiert ist. Dein Vater war mit seinem Großvater sehr eng verbunden als er plötzlich gestorben ist, hat der Schock deinen Papa ziemlich aus der Bahn geworfen. Es kommt halt immer darauf an.“
Anika denkt weiter. Ohne ein weiteres Wort steht sie auf und geht in den Garten, setzt sich auf die Schaukel, so wie sie es immer macht, wenn sie am Denken ist: „Ist das ein Grund warum ich da bin? Nein noch nicht. Ist das ein Grund warum ich lernen sollte? Nein noch nicht. Habe ich schon ein „warum“? Nein noch nicht.“
Plötzlich wird sie von von hinten angestupst, dass sie mit der Schaukel einen großen Schwung bekommt.
„Hallooooo meine Kleine!“
Anika springt von der Schaukel und umarmt ihren Papa: „Hallo Papa, schön dass du da bist. Ich frag mich gerade, warum ich da bin, warum ich lebe und warum ich lernen sollte.“
Der Papa lächelt: „Weil ich dich liebe und du die beste Tochter aller Zeiten bist und weil ich möchte, dass es bei dir gut weiter geht. Du vieles lernst und es der „Welt zur Verfügung stellst und glücklich dabei bist.“ und drückt seine Tochter fest an sich.